Zukunftswerkstatt

Die Arbeitsgruppe Zukunftswerkstatt befasste sich unter der Leitung von Alexander Rahr und Natalja Tscherkessowa mit dem Thema „Historische Schlüsselereignisse 1939-1945, Kalter Krieg, 1989-1991 als identitätsstiftende Grundlagen für Nationenbildung in Europa im 21. Jahrhundert“.

Im Jahre 2010 begehen Russen und Deutsche mehrere Jubiläen, die in beiden Ländern und insbesondere in den Staaten Mittelosteuropas zum Teil immer noch unterschiedlich gesehen werden. Deutschland und Russland führen seit der Wende einen intensiven Geschichtsdialog, der inzwischen zu sichtbaren Resultaten, wie z.B. die gemeinsame Schulbuchkommission, geführt hat. Auch in den Beziehungen Russlands zu den Staaten Mittelosteuropas, bei denen verschiedene Interpretationen der Rolle der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg bislang zur erheblichen Belastung führten, sind Fortschritte zu verzeichnen. Doch sind die deutschen Partner besorgt, dass Russland die Selbstbefreiung vom Kommunismus oft nicht entsprechend würdigt und nicht zur vollständigen Aufarbeitung seiner kommunistischen Vergangenheit bereit ist, was eine weitere Demokratisierung des Landes verhindert. Die russischen Teilnehmer unterstrichen, dass gemeinsame Werte eine Grundlange in den Beziehungen zwischen Deutschland und Russland auf allen Ebenen bildeten. Diese Werte hätten ihren Ursprung im Selbstverständnis jeden Volkes. Das Selbstverständnis des russischen Volkes basiere auf historischer Gemeinsamkeit. Die russische Nation bildete sich anhand historischer Ereignisse, wie die Annahme des Christentums, die Vertreibung der Mongolo-Tataren etc. heraus. Doch im Jahre 1991 vollzog sich ein Bruch im historischen Bewusstsein der Russen, der zum Zerfall der fundamentalen Werte führte. Die Religion oder Familie spielten im heutigen Russland nicht so eine bedeutende Rolle, wie es früher die gemeinsame Geschichte gespielt habe. Der Zerfall der fundamentalen Werte in der Gesellschaft und bei den Eliten führe unweigerlich zum Vertrauensverlust dem Staat gegenüber und somit zum unterschwelligen Widerstand gegenüber allen Reformen von oben, wie auch dem Modernisierungsvorhaben von Präsident Medwedew. In seinem Einführungsvortrag erinnerte ein deutscher Referent die Teilnehmer daran, dass das 20. Jahrhundert durch sich bekämpfende Ideologien und Wertesysteme geprägt war, die sowohl ihre Gegenwart als auch ihre Geschichte immer wieder zu eigenen Gunsten zu deuten suchten. Insbesondere der Zweite Weltkrieg und die Errichtung des kommunistischen Lagers in den Staaten Mittelosteuropas wurden zum Ursprung für verschiedene Interpretationen. Die Sowjetunion erklärte den Sieg über Hitlerdeutschland zum eigenen Sieg und zum Triumph der einzig wahren kommunistischen Ideologie über den todgeweihten Kapitalismus. Im westlichen Bewusstsein wurden sowjetische Kriegsverdienste durch die kommunistische Diktatur im Mittelosteuropa schnell verdrängt. Der Beginn der Perestroika unter Gorbatschow markiert eine entscheidende Wende im Umgang mit der Geschichte. Die Wahrheit über Stalin, seine Terrorherrschaft, unnötige Kriegsopfer und die Gräuel des sowjetischen Geheimdienstes kamen nach und nach ans Licht. Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus erlebte Russland nicht nur einen Identitätsverlust, sondern musste auch die eigene Geschichte, insbesondere die nach 1917, neu schreiben. Doch diese Neuinterpretation stieß schnell an ihre Grenzen: Der Sieg über Hitlerdeutschland bleibt für Russen das zentrale und identitätsstiftende Ereignis des 20. Jahrhundert. Die Mehrheit sei nach wie vor überzeugt, dass die Rote Armee Europa von Hitler „befreit“ habe und man ist auf keinen Fall bereit, den Faschismus mit dem Kommunismus zu vergleichen oder gar gleichzusetzen. Mit diesen zwei russischen Grundüberzeugungen werde die Welt wohl noch lange zu tun haben.