Zukunftswerkstatt

Eine der zentralen Leitfragen in der Arbeitgruppe lautete: Wie können Deutschland und Russland die Krise als Chance für Verbesserungen nutzen? Wie wird in Russland und Deutschland ein positiver Ausweg aus der Krise gesehen?

Die AG Zukunftswerkstatt wird vom Russland/Eurasien Zentrum der DGAP organisiert und dient dazu, im Rahmen des Petersburger Dialogs junge Experten aus Deutschland und Russland zum Gedankenaustausch über die Zukunft der deutsch-russischen Beziehungen zusammenzubringen.

AG Zukunftswerkstatt 2009
Foto: Robert Geisler
Dieses Jahr hatte sich die Zukunftswerkstatt eine ambitionierte Agenda gesetzt. Über die Auswirkungen der Finanzkrise hatten wir schon in Aachen, im Rahmen des diesjährigen Karlspreises, ausgiebig diskutiert. In München wollten wir uns überlegen, wie Deutschland und Russland die Krise nutzen könnten, um danach eine bessere Welt zu kreieren.

Die Debatten waren schwierig. Gerade die junge Generation im heutigen Russland und Deutschland läuft Gefahr, zum großen Verlierer – ja, Opfer – der Krise zu werden. Die deutsche Nachwuchsgeneration wird den neuen Schuldenberg abtragen müssen und muss wahrscheinlich auf den Lebensstandard, den es heute in Deutschland gibt, später verzichten. Die jungen Russen waren in den 90ern die Gewinner der neuen Chancen der Marktwirtschaft. Ihre Entwicklungsmöglichkeiten sind derzeit auch enorm eingeengt worden.
Andererseits wurde in der Zukunftswerkstatt darauf hingewiesen, dass sie deutsche und russische Jugend bislang kaum Protestpotenzial in der Krise entwickelt hat. Dabei wären die Jugendlichen wohl die ersten, die in einer sozialen Krise auf die Straße gehen würden. Die Regierungen haben deshalb noch ein „Zeitfenster“ um das Ärgste zu verhindern.

Weder in Russland noch in Deutschland erleben wir als Folge der Krise einen Systemwandel. Nur eine Reparatur des bestehenden Systems. Wenn sich die Krise verschärft, stellt sich die Frage aber neu.
Wie wird in Russland und Deutschland ein positiver Ausweg aus der Krise gesehen? Und ein gemeinsamer Handlungsbedarf.

  Krone-Schmalz, Rahr, Tscherkessowa (v.l.n.r.)
Foto: Robert Geisler
Die Zukunftswerkstatt glaubt, dass am Ende die soziale Verantwortung des einzelnen Unternehmens und Individuums stärker wird. Gerade der Mittelstand könnte, wenn man ihn unterstützt, zum Motor des Auswegs aus der Krise werden – vor allem in Russland. Zwischen Deutschland und Russland fehlen aber noch die geeigneten Institutionen, damit sich Mittelständler stärker unterstützen können. In Russland kann nur ein erstarkter Mittelstand eine Zivilgesellschaft fördern. In der Stärkung des russischen Mittelstandes sieht die russische Regierung auch ein unerschöpfliches Innovationspotenzial. Der deutsche Mittelstand ist dabei Russlands Partner.

Der russische Markt ist der lukrativste der Welt. Warum lockt er nicht mehr Auslandsinvestoren an? Die Zukunftswerkstatt glaubt, man müsse die im Bundestag vorgetragene Idee Wladimir Putins vom September 2001 wieder auffrischen, einen gemeinsamen Großraum EU-Russland nach der Krise zu schaffen, deutsche Technologien (wie Opel) stärker nach Russland zu liefern und transparent agierenden russischen Firmen Wege nach Westen zu öffnen. Als wichtigen Schritt in diese strategische Richtung sollten die derzeitigen Visumsbarrieren abgebaut werden.

Eine künftige Modernisierungspartnerschaft Russland-Deutschland sollte auch die mittel-osteuropäischen Länder einbinden. Sie sind von der Krise dramatisch geschwächt worden und dürfen nicht zu Objekten neuer Rivalitäten zwischen Westeuropa und Russland werden.

Schließlich unterstrich die Zukunftswerkstatt die Notwendigkeit einer „Exit-Strategie“ für die deutsche und russische Regierung in der Frage von Nationalisierungen in der Wirtschaftskrise. Die heute von Staaten aufgekauften „assets“ müssen nach Beendigung der Krise wieder privatisiert werden. Das könnte in einigen Jahren den Schuldenabbau des Staates fördern.

Alles in allem glauben die Teilnehmer der Zukunftswerkstatt, dass der Exportweltmeister Deutschland und die Energiesupermacht Russland die besten Chancen haben, auch durch gegenseitige wirtschaftliche Verflechtungen, als Gewinner aus der Krise herauszukommen.

Nach der Finanzkrise wird die Welt noch stärker als bisher in neue, gemeinsame Informationsgesellschaften und Räume integriert sein. Die Vorreiterrolle bei diesen Innovationen spielen junge Menschen. Die Zukunfts-werkstatt hat beim letzten Petersburger Dialog in St. Petersburg ein strategisches Papier zur Zukunft der Informationsgesellschaften erstellt, das von der russischen Präsidialadministration angefordert wurde.
Wir werden unsere Zukunftsstrategien weiter erarbeiten – in Tomsk, dann Berlin.