Vortrag: "Großraum Europa" - Herausforderungen der Finanzkrise

Eine Augenblicksanalyse der politischen Weltordnung und einen Ausblick auf künftige Entwicklungen nach der Finanzkrise bot der Chefredakteur der Zeitschrift Russia in Global Affairs, Fjodor Lukjanow, mit seinem Vortrag am 10. 12. in der niedersächsischen Landesvertretung Berlin.
In seinen Ausführungen bewertete Lukjanow zunächst den geopolitischen Ist-Zustand. Die Finanzkrise offenbare die gegenwärtige Schwäche der internationalen Strukturen. Institutionen wie der Internationale Währungsfond und die NATO seien nur unzureichend handlungsfähig. Lukjanow sieht einen Grund für dieses Unvermögen in der verpassten Gelegenheit der 90iger Jahre, als, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, die USA als einzig verbleibende Supermacht, die dringend notwendige Transformation der internationalen Regelmechanismen nicht vorangetrieben habe. Stattdessen hätten die USA sich selbst zur alleinigen Regulierungsinstanz berufen gefühlt und wären an diesem Anspruch angesichts der immensen geopolitischen Herausforderungen beispielsweise im Irak und im Kosovo gescheitert. Darüber hinaus seien auch andere Länder dem Vorbild der USA gefolgt und hätten immer stärker die eignen protektionistischen Ziele in den Vordergrund gestellt, so Lukjanow. Drängende globale Probleme wie Klima, Armut und Umwelt bedürften jedoch eines globalen Handelns. Hier sieht Lukjanow allerdings auch eine Chance in der aktuellen Krise: Sie öffne zumindest den Weg für Diskussionen über ein »global government system«. Allen Akteuren sei, mit Blick auf die Depression der 30iger Jahre, die Gefahr eines wachsenden Protektionismus durchaus bewusst.

Lukjanow beim Petersburger Dialog
In diesem Zusammenhang, so Lukjanow, bedürften die Grundsätze, festgeschrieben in der Schlussakte von Helsinki, einer erneuten Legitimation. Ein »Helsinki 2« müsse die militärpolitischen, wirtschaftlichen und humanitären Prinzipien erneut mit Leben erfüllen, habe sich die Realpolitik in den vergangen 20 Jahren doch immer weiter von diesen entfernt.
In der sich überaus schnell verändernden Weltordnung stünden sowohl die Europäische Union als auch Russland in den kommenden 15 Jahren vor der großen Herausforderung, ihre jeweilige Rolle neu zu definieren. Lukjanows Ansicht nach werde China mit zunehmender wirtschaftlicher Kraft auch mehr und mehr politische Bedeutung zukommen und möglicherweise die Europäische Union als »Juniorpartner« der USA künftig ablösen. Russland seinerseits werde ein starkes China neben sich nur äußerst ungern akzeptieren. Diesem neuen Kräfteverhältnis, könnten EU und Russland durch eine enge Zusammenarbeit begegnen. Dafür bedürfe es neuer intellektueller Ansätze; mit bestehenden Klischees gelte es aufzuräumen, so Lukjanow. Die Schaffung eines solchen neuen Großeuropas sei vergleichbar mit der Aufgabe der europäischen Integration nach Ende des 2. Weltkrieges. Auch damals sei eine Schaffung der gegenwärtig bestehenden europäischen Sicherheitsarchitektur nicht vorstellbar gewesen.
Für die heutigen internationalen Beziehungen sei eine weitaus höhere Komplexität als früher charakteristisch, betonte Lukjanow zum Abschluss seines Vortrages. Sie seien geprägt von einem stärkeren Wettbewerb in Wirtschaft und Militär und gleichzeitig von einer größeren gegenseitigen Abhängigkeit der Länder. Diese Entwicklung zeige sich in besonderer Weise auch in der Finanzkrise, in der einfache und einseitige Lösungsschemata zum Scheitern verurteilt seien. Vielleicht gebe es gerade durch diese Krise eine Chance die grundsätzlich reformbedürftigen institutionellen Mechanismen neu zu überdenken und umzugestalten.