In der Arbeitsgruppe Medien haben sich beim 9. Petersburger Dialog in München führende Journalisten beider Länder über die Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise für diesen Berufsstand unterhalten. Die Debatte war – durchaus im Gegensatz zu vorhergehenden Jahren – ganz erfreulich vorurteilsfrei, sehr nachdenklich und selbstkritisch.
Arbeitsgruppe Medien beim 9. Petersburger Dialog 2009 in München

Foto: Thomas AugstenDie Arbeitsgruppe Medien wird seit Jahren von Professor Michael Rutz, dem Chefredakteur des Rheinischen Merkur, und Dmitri Mesenzew, dem Gouverneur von Irkutsk, geleitet. In der Arbeitsgruppe Medien haben sich beim 9. Petersburger Dialog in München führende Journalisten beider Länder über die Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise für diesen Berufsstand unterhalten. Die Debatte war – durchaus im Gegensatz zu vorhergehenden Jahren – ganz erfreulich vorurteilsfrei, sehr nachdenklich und selbstkritisch.
Drei Punkte sind dabei besonders erwähnenswert:
Erstens sind Journalisten – wie ja auch Politikern – in dieser Wirtschafts- und Finanzkrise verlässlich scheinende Beurteilungskriterien für die Wirtschaft und die Finanzmärkte oftmals verlorengegangen. Ein Vertrauensschwund der Journalisten gegenüber der Fachwelt einerseits, aber auch des Publikums gegenüber Journalisten war und ist die Folge.
Zweitens: Zusammen mit den ohnehin vorhandenen Veränderungen im Medienmarkt durch veränderte Mediengewohnheiten jüngerer Rezipienten ergeben sich Veränderungen im Medienmarkt in beiden Ländern, die vor allem für frei finanzierte Zeitungen demnächst existentiell bedrohlich werden können und damit die Informationsfreiheit und auf diese Weise auch die Demokratie gefährden. Die erste Folge sind bereits weitere Konzentrationen, um Auflagenschwund und Anzeigenmangel auszugleichen, zumal die viel beschworene Crossmedialität – Stichwort: online – nicht erfolgreich ist. Die Überlebenschancen der klassischen Medien wurden in der Arbeitsgruppe daher nur ganz verhalten optimistisch beurteilt.
Die Journalisten der Arbeitsgruppe Medien sind davon überzeugt, dass unmittelbares politisches Handeln erforderlich ist. Man muss die Fusionskontrolle lockern, steuerliche Rahmenbedingungen ändern, die Distribution fördern und vielleicht sogar über öffentlich-rechtliche Mediengebühren zugunsten der Zeitungen nachdenken. Nach solchen Wegen muss gesucht werden, um beim Medienkonsumenten erfolgreiche Medien vor finanzieller Verwundbarkeit zu schützen, da der Demokratie an ihrer Existenz gelegen sein muss. Zugleich müssen die Medien in Freiheit erhalten werden, nachdem zu beobachten ist, dass sowohl Unternehmer als auch politische Gruppierungen Medienunternehmen aufkaufen, um sie in die Knechtschaft ihrer persönlichen bzw. politischen Interessen zu stellen.
Die Krise bewirkt noch etwas Drittes: Sie verändert, im Verein mit den genannten Punkten, das journalistische Berufsbild nachhaltig. Die klassische medienspezifische Journalistenausbildung erscheint obsolet.
Die Arbeitsgruppe Medien fordert die umfassende und schnelle Zugänglichkeit zu staatlichen Informationen ein. Insbesondere deutsche Korrespondenten in Russland klagen hier über Ignoranz und Behinderungen durch Behörden und fühlen ihre Arbeit sehr erschwert. Des Weiteren sollte im Rahmen der Bildungs- bzw. Hochschulpolitik die Ausbildung von in ihrem jeweiligen Fach sachkundigen Qualitätsjournalisten gefördert werden. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat gezeigt, wie bedeutsam das beispielsweise im Fach Wirtschaftsjournalismus ist.

Foto: Thomas AugstenIn diesem Zusammenhang kümmert sich die Arbeitsgruppe Medien seit Jahren erfolgreich um Kooperationen in der Journalistenausbildung, vor allem bei Praktika und Austauschprogrammen. Vor zwei Jahren wurde überdies ein gemeinsamer Master-Studiengang „Journalismus“ zwischen der Freien Universität Berlin und der Moskauer Lomonossow-Universität vereinbart, dessen organisatorische und finanzielle Voraussetzungen auf deutscher Seite geklärt sind. Auf russischer Seite sind zwei Probleme offen: Die volle Akzeptanz als Bologna-Studiengang und die Finanzierung.
Mit Freude hat die Arbeitsgruppe vernommen, dass der Gouverneur von Irkutsk, Herr Dmitri Mesenzew, die Chance dieses hoch qualifizierten Bildungs-Angebots für seine Region ergreifen und es für zehn Absolventen seiner Region auf Staatskosten öffnen will und die Finanzierung des Master-Studiengangs dadurch sichert. Das ist für die Region Irkutsk zugleich ein hervorragender Beitrag zur Fortentwicklung eines qualifizierten Journalismus. Der Rektor der Staatlichen Lomonossow-Universität, Herr Wiktor Sadownitschi, hat in der Arbeitsgruppe zugesichert, den Start dieses Master-Studiengangs noch 2009 in Verhandlungen mit dem Kultusminister auch finanziell und vor allem von der Zeugnis-Seite her entsprechend den Bologna-Erfordernissen abzusichern, also für die Anerkennung als Dual-Master-Degree bis spätestens 2011 zu sorgen.
Die AG Medien wird – um das Gespräch untereinander zu fördern – im kommenden Jahr zwei deutsch-russische Journalistentage abhalten, einen in Deutschland, einen in Russland. Eines dieser Treffen wird sich, im Jahr 2010, mit der Rolle der Medien beim Prozess der deutschen Wiedervereinigung befassen. Überdies wird es eine Winterreise deutscher Journalisten nach Sibirien geben, zu der der Gouverneur von Irkutsk eingeladen hat.