Grußwort des russischen Präsidenten Wladimir Putin

Ich möchte alle Teilnehmer dieses russisch-deutschen Forums ganz herzlich begrüßen und zum Ausdruck bringen, daß es mich sehr freut, zahlreiche bekannte Gesichter, viele Freunde von russischer als auch von deutscher Seite hier zu sehen - Menschen, die ich schon seit langem kenne.

Die Idee, den "Petersburger Dialog" ins Leben zu rufen, hatte der Bundeskanzler während unseres Treffens im September vergangenen Jahres. Wir waren uns einig, daß es erforderlich ist, unserer Zusammenarbeit neue Impulse zu verleihen. Kontakte auf offizieller Ebene sind zweifellos notwendig, sie alleine reichen jedoch nicht aus, um zwischen unseren Ländern wahrhaftig freundschaftliche und fruchtbare Beziehungen herzustellen. Nicht minder wichtig sind Kontakte zwischen Vertretern der Öffentlichkeit sowie die ständige Diskussion der aktuellen und strategischen Schwerpunkte unseres Zusammenwirkens, und zwar nicht nur in bezug auf die Zusammenarbeit zwischen Rußland und Deutschland. In der Welt von heute finden Vorgänge statt, die alle Länder betreffen. Um diese Vorgänge zu verstehen, sind neue Denkansätze erforderlich. Ich meine damit beispielsweise Fragen der wirtschaftlichen Integration und des Umweltschutzes sowie Migrations- und Sicherheitsprobleme. All dies muß zum Gegenstand gemeinsamer Beratung und gemeinsamer Suche nach Lösungswegen werden.

Dieses Forum, das wir am heutigen Tage eröffnen, bietet Vertretern der russischen und der deutschen Öffentlichkeit die Möglichkeit, sich unter anderem auch zu diesen gesamteuropäischen Problemen gemeinsam zu besprechen. Und genau darin sahen der Bundeskanzler und ich die hohe Bestimmung des "Petersburger Dialogs". Wir erwarten, daß er sich zu einer originellen Börse für Ideen und gegenseitig nutzbringende Vorhaben entwickelt und unsere Partnerschaft intellektuell bereichert.

Man kann ohne Übertreibung sagen, daß die Beziehungen zwischen Rußland und Deutschland während des letzten Jahres eine neue Qualität erreicht haben. Unsere laufenden Probleme werden erfolgreich gelöst. Lassen Sie uns einmal gemeinsam zurückdenken: Noch vor zwei, drei Jahren stagnierten die Beziehungen zwischen unseren beiden Staaten zwar nicht direkt, sie befanden sich jedoch im Zustand eines gewissen Rückgangs. Für heute aber läßt sich eindeutig sagen, daß dieser Rückgang überwunden ist.

Das Wichtigste besteht darin, gemeinsame Perspektiven zu entwickeln, und zwar Perspektiven für eine langfristige Zusammenarbeit, womit auch die wirtschaftliche Zusammenarbeit gemeint ist, obwohl wir in diesem Bereich, grundsätzlich betrachtet, gerade erst angefangen haben, Vorhaben von nennenswerter Größe umzusetzen. Wir müssen unser Potential analysieren und die Schlüsselaufgaben für die Zukunft bestimmen. Darin besteht eine der vordringlichsten Aufgaben der gegenwärtigen Runde der Beziehungen zwischen der Russischen Föderation und der Bundesrepublik Deutschland auf Regierungsebene und gleichfalls der Inhalt der anstehenden russisch-deutschen Konsultationen.

Schon seit langem beschränkt sich die russisch-deutsche Zusammenarbeit nicht mehr allein auf offizielle Begegnungen zwischen den Staats- und Regierungschefs oder Vertretern verschiedener Ministerien und Banken. Auf parlamentarischer, kultureller und wissenschaftlicher Ebene findet ein reger Austausch statt. Es gibt herausragende Beispiele für erfolgreiche Kontakte zwischen russischen Regionen und deutschen Bundesländern. Diese direkten Beziehungen sind wirtschaftlich sehr effizient und eröffnen neue Möglichkeiten für verschiedene Bereiche der Zusammenarbeit. Und aus keinem anderen Grunde erwarten wir im Anschluß an die Analyse des Ist- und des Sollzustands unserer bilateralen Beziehungen, die auf diesem Forum erfolgen wird, Ihre Empfehlungen und Schlußfolgerungen, die sowohl die Bundes- als auch die Regionalebene voller Dankbarkeit aufnehmen werden. Ich schließe nicht aus, daß von Ihnen auch Kritisches zu hören sein wird. Aber ich denke, daß das für unsere Regierungen nur von Nutzen sein kann.

Zweifellos wird auch der Aufbau eines neuen Europa und der gemeinsame russisch-deutsche Beitrag zu diesem Prozeß Gegenstand dieses Forums sein. Man ist sich in Moskau und in Berlin der hohen Verantwortung für Stabilität und Sicherheit in Europa bewußt. Um sie zu gewährleisten, sind die gemeinsamen Anstrengungen der Parlamente und Regierungen unserer Länder erforderlich. Diese Anstrengungen müssen von der Öffentlichkeit, von interessierten und maßgeblichen Vertretern der Öffentlichkeit, die hier so zahlreich versammelt sind, mitgetragen werden.

Ich halte es in diesem Zusammenhang für durchaus angebracht, "Brainstormings" nicht nur einmal im Jahr im Rahmen des "Petersburger Dialogs" durchzuführen, sondern unter seiner Schirmherrschaft und Federführung "Runde Tische" zu konkreten Fragestellungen einzuberufen. Die Themen, mit denen sich diese "Runden Tische" befassen, sollten mit den Schwerpunkten der russisch-deutschen Zusammenarbeit korrespondieren.

Gegenwärtig arbeiten wir an einigen zukunftsträchtigen Projekten, auf die sich eine öffentliche Diskussion nur vorteilhaft auswirken kann. Hiermit meine ich insbesondere die Wissenschaft und den Bereich der Hochtechnologien. Wir wissen um das deutsche Interesse an einer Vertiefung der Zusammenarbeit auf den Gebieten der Informatik und der Softwareentwicklung und sind darum bereit, der deutschen Industrie Ergebnisse russischer wissenschaftlicher Einrichtungen und der Weltraumforschung anzubieten. Und, nebenbei gesagt, mit der Internationalen Weltraumstation sind die ersten Schritte auf diesem Weg gerade erfolgt.

Die auf höchster Ebene umgesetzte Politik gutnachbarschaftlicher Beziehungen und Zusammenarbeit muß für die Bürger der Russischen Föderation und der Bundesrepublik Deutschland transparent sein. Dies ist um so wichtiger, weil im Bewußtsein vieler Menschen die Klischees des "Kalten Krieges" noch lebendig sind. Nicht verifizierte Informationen bringen mitunter auch neue negative Denkmuster hervor. Dies gilt es zu verhindern. Gelingt es nicht, eine wohlwollende Haltung gegenüber dem Partnerland aufzubauen, so kann kaum gewährleistet werden, daß die Menschen einander näher kommen und sich gegenseitig vertrauen. Es ist dieses gegenseitige Verständnis, das üblicherweise die stabile Grundlage einer echten Partnerschaft bildet, die nicht nur äußerlich ist. Auch dieses Problem sollte auf dem Forum diskutiert werden.

Des weiteren kommt es darauf an, die Bedingungen für einen möglichst breiten und direkten Kontakt zwischen Russen und Deutschen zu schaffen, wofür insbesondere Sprachkenntnisse erforderlich sind. Leider ist in letzter Zeit in Deutschland das Interesse für die russische Sprache schwächer geworden, wobei aber gesagt werden muß, daß auch in Rußland das traditionelle Interesse für die deutsche Sprache der englischen Sprache gewichen ist. Das ist bedauerlich, denn die Bundesrepublik Deutschland ist eines der führenden Länder in Europa - und Europa unser wichtigster Partner.

Ein weiteres zukunftsträchtiges Projekt stellt die Schaffung einer Russischen Akademie in Berlin dar. Ich habe diesen Vorschlag des Herrn Bundeskanzler mit großem Interesse aufgenommen. Eine solche Akademie könnte sich zur Stätte regelmäßiger Begegnung, Diskussion, Beratung und Prüfung neuer Ideen entwickeln. Die Umsetzung dieser Initiative, so meine ich, würde die Aktivitäten des "Petersburger Dialogs" harmonisch ergänzen; die Russische Akademie selbst könnte zu einem wichtigen Bestandteil des öffentlichen Lebens der deutschen Hauptstadt werden.

Hier, in der Universität zu St. Petersburg, bietet es sich geradezu an, die Bedeutung des Studentenaustauschs und des Jugendaustauschs als Ganzes zwischen Rußland und Deutschland hervorzuheben. Ich hoffe sehr, daß dieses Forum die Einbeziehung der Jugend in unsere gemeinsame Arbeit befördert, denn es ist die Jugend, die eine neue, höhere Stufe der russisch-deutschen Partnerschaft, insbesondere in der Wissenschaft und im Bereich der Hochtechnologien, betreten wird.

Ich möchte Ihnen nochmals zur Eröffnung dieses Forums gratulieren und wünsche Ihnen eine fruchtbare, interessante und schöpferische Arbeit.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.