Grußwort des deutschen Bundeskanzlers Gerhard Schröder

Es ist kein Zufall, dass wir, Vertreter Russlands und Deutschlands, St. Petersburg nicht nur als Austragungsort dieser Veranstaltung gewählt haben, sondern auch als Namensgeber des "Petersburger Dialogs". Und ich kann Ihnen versichern: Das liegt nicht nur daran, dass uns Deutschen die Aussprache des Namens dieser Stadt so leicht fällt, und auch nicht daran, dass Sie, verehrter Herr Präsident Putin, in dieser Stadt geboren sind und die meiste Zeit Ihres Lebens hier gelebt haben; nein: Mit dem Namen "St. Petersburg" verbindet sich in der russischen und europäischen Geschichte auch die Hinwendung Russlands zu Europa: der Anschluss des Landes an die geistige und wirtschaftliche Entwicklung Europas, die Modernisierung von Staat und Verwaltung im 18. Jahrhundert, der sich schnell entfaltende geistige Austausch, vor allem auch mit deutschen Gelehrten in der hiesigen "Akademie der Wissenschaften", deren Gründung der bekannte deutsche Philosoph und Naturwissenschaftler Gottfried Wilhelm Leibniz angeregt hatte.

Man hat St. Petersburg das "Venedig des Nordens" genannt, aber auch "Russlands Fenster nach Europa". Trotzdem ist es eine unverwechselbar russische Stadt. Zugleich ist es die Stadt Katharinas der Großen und - 200 Jahre später - der Bürger, die während der deutschen Blockade in dem vom nationalsozialistischen Regime verursachten Zweiten Weltkrieg entsetzlich gelitten haben.

St. Petersburg ist Symbol für das neue Russland, das seine Zukunft im europäischen Raum der gemeinsamen Werte, des Rechts und der Wirtschaft sieht. Wir Deutsche - und Europa insgesamt - wollen Russland auf diesem Weg, wo immer wir können, nach Kräften helfen.

Deutschland und Russland haben viele gemeinsame Interessen. Die deutsch-russischen Beziehungen haben sich in den letzten Jahren seit der Herstellung der deutschen Einheit außerordentlich dynamisch entwickelt. Deutschland, als Mitglied der Europäischen Union, und Russland sind Partner in einem politisch, wirtschaftlich und auch sicherheitspolitisch immer enger zusammenrückenden Kontinent geworden.

Es bleibt aber nicht bei abstrakten politischen Interessen: Auch wenn das Bild vom anderen in der Öffentlichkeit häufig noch von den bitteren Erfahrungen zweier grausamer Kriege und den Vorurteilen aus der Zeit des Kalten Kriegs geprägt ist, begegnen die Menschen unserer beider Völker einander doch mit Sympathie und Respekt. Lassen Sie mich hinzufügen: Das ist beinahe schon ein Wunder angesichts der Geschichte. Darauf müssen und können wir aufbauen.

Der direkte Kontakt der Menschen hat sich in den vergangenen Jahren erfreulich entwickelt. Städtepartnerschaften, Jugendaustausch oder Stipendienaufenthalte haben ganz viele Menschen einander näher gebracht. Wir brauchen - und das wollen wir realisieren - eine Ausweitung dieser Kontakte und einen Ausbau der gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Zusammenarbeit. Wir brauchen eine Intensivierung des Dialogs zwischen den Zivilgesellschaften beider Länder.

Präsident Putin und ich haben uns bei unserem Treffen im September letzten Jahres darauf verständigt, einen Gesprächskreis mit herausragenden Repräsentanten der Zivilgesellschaften unserer Staaten einzurichten. Was damals noch ein reichlich vages Projekt war, ist nur sechs Monate später mit Leben erfüllt worden. Ich bin sehr zuversichtlich, dass der "Petersburger Dialog" dazu beitragen wird, die deutsch-russische Partnerschaft noch fester in den Köpfen und Herzen der Menschen zu verankern. Auf jeden Fall sollte dieser Dialog dazu führen, Deutschland und Russland im jeweils anderen Land stärker ins Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken. Ich wünsche mir auch, dass die Veranstaltung einen Beitrag zum Aufbau und zur Entwicklung der Zivilgesellschaft in Russland leistet. Denn ohne eine moderne Zivilgesellschaft kann es weder eine funktionsfähige Demokratie noch eine dauerhaft stabile Marktwirtschaft geben. Ein starkes Russland, wie wir alle es uns wünschen, braucht eine solche Zivilgesellschaft genauso, wie es Medien braucht, die ihre Aufgabe, die Menschen zu informieren und die Macht zu kontrollieren, frei ausüben können.

Viele Gesprächsinitiativen arbeiten seit Jahren erfolgreich im deutsch-russischen Verhältnis. Auch der "Petersburger Dialog" wird seinen festen Platz in den deutsch-russischen Beziehungen einnehmen. Dies gilt umso mehr, je lebhafter das Gespräch und je größer die Ausstrahlung in die Gesellschaften hinein sein werden.

Ein solcher Dialog lebt vom offenen Austausch - nicht nur von Gemeinsamkeiten, sondern auch von unterschiedlichen Meinungen. Alle relevanten gesellschaftlichen Gruppen sollten Gelegenheit haben, ihren spezifischen Standpunkt in diesem Dialog zur Geltung zu bringen. Je pluralistischer die Zusammensetzung der Teilnehmer, desto erfolgreicher die Veranstaltung.

Die Besonderheit des "Petersburger Dialogs" besteht gerade darin, dass er Menschen zusammenbringt, die sonst nicht ohne weiteres in Kontakt kämen: den deutschen Theaterregisseur mit dem russischen Banker, die Petersburger Universitätsdozentin mit dem Kölner Sozialexperten.

Der Lenkungsausschuss des "Petersburger Dialogs" legt Wert auf Eigenständigkeit. Dies entspricht auch meinen Vorstellungen. Unser Ansatz, die Zivilgesellschaft und den zivilgesellschaftlichen Dialog zu stärken, ließe sich mit keiner Form einer irgendwie gearteten Bevormundung vereinbaren. Gleichwohl können sich die Mitglieder des "Petersburger Dialogs" der wohlwollenden Unterstützung des deutschen Bundeskanzlers und der gesamten Bundesregierung sicher sein.

Von besonderer Bedeutung sind die Impulse, die der Gesprächskreis für andere Foren in unseren beiden Ländern gibt. Dadurch erzielt der "Petersburger Dialog" die Ausstrahlung, die wir uns wünschen. Hierbei spielen die politischen Stiftungen in Deutschland, die sich ideell und materiell in erheblichem Maße an dieser Veranstaltung beteiligen, eine wichtige Rolle. Sie sind mit ihren Vertretungen in Russland bestens geeignet, eine gute und zuverlässige Nacharbeit effizient zu leisten. Dies setzt voraus, dass sie ihre Arbeit in Russland ohne Einschränkung auch tun können.

Abschließend möchte ich all denjenigen herzlich danken, die diese Feier heute möglich gemacht haben. Mein Dank gilt zunächst den beiden Ko-Vorsitzenden des Lenkungsausschusses, Peter Boenisch und Boris Gryslow, sowie den anderen Mitgliedern und Gästen dieses Gremiums. Herrn Gryslow gratuliere ich übrigens ausdrücklich zu seiner Berufung zum Innenminister Russlands. Sie haben innerhalb kürzester Zeit die Veranstaltung mit viel Engagement, ja Leidenschaft geplant und in die Tat umgesetzt. Ich danke auch all denjenigen, die durch großzügige Spenden die finanzielle Grundlage für den Petersburger Dialog gelegt haben. Mein Dank geht schließlich an die russischen Gastgeber und allen voran an die Rektorin der Petersburger Universität, Frau Ludmila Werbitzkaja, für die Gastfreundschaft und den angenehmen Rahmen, den sie hier geschaffen hat.

Es bleibt mir, allen Teilnehmern und Gästen des "Petersburger Dialogs" lebhafte Diskussionen, gute Ergebnisse und nicht zuletzt viel Freude an der Kultur in dieser Stadt zu wünschen. - Und weil das fast das Einzige ist, was ich in Russisch kann -im Unterschied zum Deutsch des Präsidenten-: Spasibo!