Sehr verehrter Herr Präsident Putin,
verehrte Co-Vorsitzende Herr Gorbatschow und Herr Boenisch,
ich freue mich, wieder hier in der ehrwürdigen Petersburger Universität Gast sein zu dürfen. Und ich finde es wichtig, an diesem „Petersburger Dialog“, wenn auch nur kurz, teilnehmen zu können.

Foto: Daniel Biskup Herr Präsident Putin hat darauf hingewiesen: Dieser „Petersburger Dialog“ findet in einer Phase äußerst angespannter internationaler Beziehungen statt. Vor diesem Hintergrund können wir feststellen, dass die deutsch-russischen Beziehungen in den letzten einhundert Jahren noch nie so gut waren, wie sie heute sind. Und mir liegt daran, dass deutlich wird: diese ausgezeichneten ökonomischen, politischen und kulturellen Beziehungen sind gegen niemanden gerichtet, weder heute noch in der Zukunft. Sie bringen weder Schwierigkeiten in den europäischen Beziehungen mit sich noch haben sie negative Bedeutung für die transatlantischen Beziehungen. Das gilt sowohl für Deutschland als auch für Russland.
In einer international schwierigen Situation ist es umso wichtiger, wenn Staaten und Völker, die eine so wechselvolle und bisweilen blutige Geschichte miteinander verbindet, deutlich machen, dass sie für die friedliche Lösung von Konflikten in der Welt und für mehr Stabilität in den internationalen Beziehungen stehen wollen. Ich denke, dass wir aus unserer gemeinsamen Geschichte die richtigen Konsequenzen gezogen haben. Das hängt natürlich mit dem Bemühen des Präsidenten zusammen, eine strategische Beziehung zu Europa und innerhalb Europas und - ohne dass dies Ausschließlichkeitsansprüche begründen sollte - auch zu Deutschland aufzubauen. Ich sage mit Respekt: erfolgreich aufzubauen.
Es hat aber auch, meine Damen und Herren, mit der Arbeit zu tun, diе Sie im „Petersburger Dialog“ machen. Denn was immer wir auf der Regierungsebene gestalten können, es bliebe unvollendet, wenn es nicht durch engste Kontakte in den Gesellschaften unserer beiden Staaten ergänzt würde. Darin liegt der Wert dieses Dialogs.
Und Teil der Gesellschaft ist die Ökonomie. Ich habe mit großer Freude zur Kenntnis genommen, dass wir in den letzten Jahren einander zu wichtigsten Handels- und Investitionspartnern geworden sind. Und alles, was getan werden kann, um diese Entwicklung weiter auszubauen, werden wir auch tun. Die deutschen Unternehmen kann ich nur ermuntern, sich noch mehr als in der Vergangenheit diesem so großen und großartigen und so viele Chancen bietenden Land Russland zuzuwenden. Gute Geschäfte sind wichtig und richtig. Diese können auf Dauer aber nur dann gedeihen, wenn man sich mit dem Land und seinen Menschen intensiv beschäftigt, um sie besser verstehen zu lernen.
Wir sind hier an einer Universität, für die Wissenschaftsaustausch zwischen Russland und Deutschland von der Gründung an beinahe eine Selbstverständlichkeit gewesen und auch bis heute geblieben ist. Wenn der Herr Prorektor fast so gut Deutsch spricht wie der Herr Präsident, dann zeigt das, wie eng diese Beziehung ist. Gemeinsame kulturelle und wissenschaftliche Beziehungen zu haben, ist mindestens so wichtig wie der wirtschaftliche Austausch. Die Traditionen russisch-deutscher Zusammenarbeit, für die diese Universität steht, können auch auf andere Institutionen ausgedehnt werden. Der Kern, da gebe ich dem Präsidenten völlig Recht, ist der Jugendaustausch. Deswegen ist all das, was etwa unter der Schirmherrschaft von Frau Putina geschieht – die Sprachvermittlung auf beiden Seiten –, richtig und wichtig. Der Spracherwerb und die Kenntnis der Sprache ist natürlich die Basis dafür, einander besser zu verstehen.
Auch die Städtepartnerschaften schaffen Möglichkeiten der Begegnung, die Verständnis wecken. An diesem Punkt ein konkreter Hinweis: Wenn man sowohl Wissenschafts- und Jugendaustausch, als auch ökonomischen Austausch intensivieren will, sollten wir uns darauf verständigen, dass bürokratische Hemmnisse, bei der Visaerteilung beispielsweise, in Zukunft wegfallen. Ich freue mich, dass wir uns darauf verständigt haben, die Außenministerien zu beauftragen, in dieser Frage schnell und wirksam Abhilfe zu schaffen.
Dieser Dialog, und das ist den beiden Co-Vorsitzenden und nicht zuletzt auch Ihnen allen zu verdanken, kann für sich in Anspruch nehmen, eine gute Arbeit zum Verständnis beider Völker geleistet zu haben, und das wird sicher auch in Zukunft der Fall sein.
Ich habe, verehrter Herr Präsident, wie das so üblich ist, ein Geschenk mitgebracht: eine Mikrofilmedition der Jahrgänge 1727 bis 1914 der „St. Petersburger Zeitung“. Sie war die bedeutendste deutschsprachige Zeitung Osteuropas mit einer wichtigen russischen Parallelausgabe. Die gesamten Ausgaben, die in verschiedenen Beständen in Deutschland und Russland gesammelt waren, sind in einem gemeinsamen Projekt des Goethe-Instituts, des Instituts für Zeitungsforschung, der Bibliothek der Russischen Akademie der Wissenschaften und der Petersburger Nationalbibliothek verfilmt worden. Eine Teilsammlung ist jetzt auf Mikrofilm zusammengeführt und bald auch für die Öffentlichkeit zugänglich, und zwar die „St. Petersburger Zeitung“ vom 2. Januar bis zum 31. Dezember 1728 und vom 4. Januar bis zum 30. Dezember 1729. All das ist hier gesammelt, und ich finde das versinnbildlicht in sehr schöner Weise die Tradition, für die diese Stadt in den deutsch-russischen Beziehungen steht.
Herzlichen Dank und alles Gute.