AG Zukunftswerkstatt in Samara / Juni 2013

AG Zukunftswerkstatt in Samara / Juni 2013
AG Zukunftswerkstatt in Samara / Juni 2013
AG Zukunftswerkstatt in Samara / Juni 2013
AG Zukunftswerkstatt in Samara / Juni 2013
AG Zukunftswerkstatt in Samara / Juni 2013
AG Zukunftswerkstatt in Samara / Juni 2013
AG Zukunftswerkstatt in Samara / Juni 2013
AG Zukunftswerkstatt in Samara / Juni 2013
AG Zukunftswerkstatt in Samara / Juni 2013
AG Zukunftswerkstatt in Samara / Juni 2013

Die Teilnehmer der AG Zukunftswerkstatt trafen sich vom 9. bis 12. Juni in der russischen Wolga-Stadt Samara. Die 27. AG-Sitzung stand unter dem Motto „Wirtschaft der Regionen. Die Rolle der mittelständischen Unternehmer in der Businessstruktur Russlands und Deutschlands“ und behandelte solche Themen wie die Entwicklung der Mittelschicht und des Mittelstandes in Russland und in Deutschland, die Rolle der jungen Unternehmer, wirtschaftliche und politische Dezentralisierung, Föderalismus.

In Deutschland glaubt man, Russland müsse sich über die Stärkung der eigenen Mittelschicht und den Ausbau des Mittelstandes modernisieren. In Russland denken viele, dass in der EU die Mittelklasse im Zuge der Finanzkrise an Substanz verlieren wird. Niemand wisse, wie die sozialen Wirtschaftssysteme des 21. Jahrhunderts aussehen würden.

Nach einer umfassenden Analyse der Begriffe „Mittelstand“ (KMU) und „Mittelschicht“ kamen die Teilnehmer zur Erkenntnis, dass diese in den beiden Ländern nicht identisch sind. Während der russische Mittelstand erst am Anfang seiner Entwicklung steht, prägen die kleinen und mittelgroßen Unternehmen (KMU) den Großteil der Lebenswirklichkeit in Deutschland. Der deutsche Mittelstand bildet eine entscheidende Säule für die starke Position Deutschlands als Exportnation und gehört zu den innovationsaktivsten in der EU. In Russland verwendet man oft den Begriff „Selbständigkeit“, was allerdings mit der klassischen Definition einer mittelständischen Tradition wenig gemein hat und ebenso etwas wie „nicht-staatlich“ bedeutet.

Die Teilnehmer stellten fest, dass sowohl in Russland als auch in Deutschland eine neue gesellschaftliche Gruppe entstehe. Diese sei nicht identisch mit der klassischen Definition einer Mittelschicht und ist gekennzeichnet durch eine enge Bindung an Informationsverbreitung im Internet sowie gemeinsame soziale Werte. Diese Gruppe dürfe man nicht nach materiellen Werten definieren, sondern nach ihrer Kreativität.

Gemessen an den westlichen Maßstäben, würde man nach Angaben zum Einkommen der Russen vom Russischen Statistischen Dienst Rosstat nur ca. 10 Prozent der russischen Staatsbürger zur Mittelschicht zählen. Eine breitere wirtschaftliche Analyse, die von den russischen Teilnehmern der Zukunftswerkstatt vorgenommen wurde, zeigte allerdings, dass es in Russland eine sogenannte „untere Mittelschicht“ gibt. Dazu gehören Bürger mit einem stabilen Durchschnittseinkommen von über 500 Euro, einem hohen Bildungsniveau sowie ähnlichen politischen Auffassungen.
Dabei sei die russische „untere Mittelschicht“ weniger von den Freiberuflern und Mittelständlern geprägt, wie die deutsche Mittelschicht, sondern ihre Grundlage bilden qualifizierte Facharbeiter und Ingenieure, Staats- und Verwaltungsbeamte, Mitarbeiter von Staatsunternehmen. Sie sei deshalb nicht liberal im europäischen Sinne.

Die russische Bevölkerung hat eine ambivalente Haltung zu russischen Geschäftsleuten. In älteren Bevölkerungskreisen, die vom Kommunismus geprägt wurden, genießen „businessmeny“ kaum Ansehen. Aber die Akzeptanz der Mittelständler in Russland wächst, je weiter sich Russland von den Erinnerungen der 1990er Jahre entfernt.

Auf der Sitzung der Zukunftswerkstatt entbrannte ein Streit zwischen den russischen Teilnehmern, inwieweit die russische Volkswirtschaft weiter der Privatisierung geöffnet werden sollte (liberales Modell) oder ihre strategischen Teile unter staatlicher Kontrolle bleiben sollten. Der russische Oppositionelle Ilya Ponomarev sprach in diesem Zusammenhang vom Clan-Charakter der russischen Wirtschaft. Viele Großunternehmen (z. B. Gazprom) gehörten nicht mehr dem Staat, sondern bestimmten Oligarchengruppen.

Die nächste Sitzung der Zukunftswerkstatt im November 2013 in Kassel wird neben den Fragen nach dem Leben und der Zukunft der russischsprachigen Migranten in Deutschland und der deutschen Diaspora in Russland, die Geschichte der wirtschaftlichen Umgestaltung und des Übergangs zum kapitalistischen Entwicklungsweg in Ostdeutschland als Paradebeispiel der postsozialistischen Transformation analysieren.