Abschlussbericht zum 7. Petersburger Dialog

Vom 13. bis 15. Oktober 2007 fand in Wiesbaden der 7. Petersburger Dialog zum Thema „Einheit Europas − Deutsche und Russische Beiträge" statt. Die hessische Landeshauptstadt hatte den deutschen und russischen Gästen einen gebührenden Empfang bereitet: Am Bahnhof war ein Willkommensbanner exklusiv zum Petersburger Dialog angebracht, die gesamte Wilhelmstraße war mit entsprechenden Fahnen geschmückt und oberhalb des Kurhauses leuchtete ein Blumenbeet in den deutschen und russischen Nationalfarben.


Szene aus der ZauberflöteDank des großartigen Engagements der Wiesbadener Zivilgesellschaft konnte ein umfangreiches deutsch-russisches Veranstaltungs- programm rund um den Petersburger Dialog zusammengestellt werden, zu dem unter anderem Lesungen, Theateraufführungen und Ausstellungen zählten (eine Übersicht der zahlreichen Veranstaltungen finden Sie hier). Das Filmfestival goEast präsentierte eine Filmreihe „Neues russisches Kino“ und organisierte einen Runden Tisch zum Thema „Deutsch-Russische Koproduktionen“, ein Thema, das in diesem Jahr erstmals in der Arbeitsgruppe Kultur des Petersburger Dialogs behandelt wurde. Die Bürgerrechtlerin Irina Scherbakowa von „Memorial“ stellte sich im Wiesbadener Kurier in einer Lesung und Journalistengespräch aufgeschlossen den vielfältigen Fragen des Chefredakteurs und der Gäste. Im Wiesbadener Presseclub in der Villa Clementine präsentierte Gabriele Krone-Schmalz ihr neues Buch „Was passiert in Russland?“. Der Verein HERUS mit Clotilde von Rintelen, der Ur-Urenkelin des russischen Dichters Alexander Puschkin, hatte anlässlich des Petersburger Dialogs ein Moskauer Theaterensemble nach Wiesbaden geholt, um Goethes „Torquato Tasso“ in einer russischsprachigen Inszenierung im Kleinen Haus des Hessischen Staatstheaters aufzuführen. Das Museum Wiesbaden brachte eine Broschüre zum Schaffen des Malers Alexej von Jawlensky heraus und bot spezielle Führungen zu den Werken russischer Künstler an. Das Hessische Staatstheater zeigte eine eigens für den Petersburger Dialog geschaffene Inszenierung der „Zauberflöte“ mit Szenen aus der Oper von Mozart, die von den Sängern Wolfgang Vater und Konstantin Gorny in einem originellen deutsch-russischen Dialog erläutert und kommentiert wurden. „Dialog kann immer viel bewirken“, so der Konsens der beiden Sprecher.

Die Vorsitzenden mit OB Müller und StM Hoff; Foto: e.blattBereits einen Tag vor Beginn des Petersburger Dialogs besuchten die Vorsitzenden der Lenkungsausschüsse, Lothar de Maizière und Michail Gorbatschow, die russische Kirche und den anliegenden Friedhof auf dem Neroberg. Beide zeigten sich sehr beeindruckt von der Ausstellung zur Geschichte des Friedhofs sowie von der Restauration der Kuppeln, von der sie sich gemeinsam mit Staatsminister Hoff und Oberbürgermeister Müller in luftiger Höhe selbst ein Bild machen konnten. Die Neuvergoldung der Kuppeln war anlässlich des Petersburger Dialogs in die Tat umgesetzt worden und wird von Stadt und Land gemeinsam finanziert. „Die Restaurierung der schönen Kuppeln ist eine bewegende Geste der Gastfreundschaft dieser wunderbaren Stadt, die ein würdiger Platz für unsere deutsch-russischen Begegnungen ist“, erklärte Lothar de Maizière, und Michail Gorbatschow ergänzte: „Die goldenen Kuppeln der russischen Kirche über dem prächtigen Bild der deutschen Stadt Wiesbaden sind ein eindrucksvolles Zeugnis für die Gemeinsamkeit unserer kulturellen Werte, unserer Freundschaft und für das gegenseitige Ansehen unserer Völker.“


Um gemeinsame kulturelle und historische Werte ging es auch am 13. Oktober bei der Podiumsdiskussion, mit der der Petersburger Dialog traditionell eröffnet wird. Teilnehmer waren die Vorsitzenden der Lenkungsausschüsse Michail Gorbatschow und Lothar de Maizière, der Hessische Ministerpräsident Roland Koch, Klaus Mangold (Vorsitzender des Ostausschusses des Deutschen Wirtschaft), Michail Margelow (Vorsitzender des Ausschusses für Internationale Angelegenheiten des Föderationsrats der Russischen Föderation), Ella Pamfilowa (Vorsitzende des Rates für die Mitwirkung an der Entwicklung der Institute für Zivilgesellschaft und Menschenrechte beim Präsidenten der RF) sowie Bischof Martin Schindehütte (Leiter der Abteilung Ökumene und Auslandsarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland) teilnahmen. Moderiert wurde die Diskussion, die sich mit dem Thema des diesjährigen Dialogs „Einheit Europas – Deutsche und Russische Beiträge“ befasste, von Thomas Roth, Leiter des ARD-Studios Moskau.

Zum Abschluss der Eröffnungsveranstaltung wurde der Peter-Boenisch-Gedächtnispreis an den Nachwuchsjournalisten Benjamin Bidder (25) verliehen, der die Jury mit seinem Beitrag „«Ich fühle keinen Hass auf Deutsche»“, im Juni 2007 bei Spiegel Online erschienen, überzeugt hatte. In seiner Michail Gorbatschow, Lothar de Maizière, Benjamin Bidder und Michael Rutz; Foto: Thomas AugstenReportage berichtet der Student von jungen Deutschen, die ihren Zivildienst oder ein Freiwilliges Soziales Jahr in Russland leisten und dabei auf alte Menschen treffen, für die die Begegnung mit den jungen Deutschen zu einer Auseinandersetzung mit ihren Erinnerungen an den Krieg wird. Die Laudatio wurde von Michael Rutz, dem Vorsitzenden der Jury, gehalten. Den Preis, die Silberne Feder und einen Gutschein über 3.000 Euro, überreichten Michail Gorbatschow und Lothar de Maizière. „Es ist für mich eine große Freude, heute hier diese Auszeichnung entgegen nehmen zu dürfen und eine besondere Ehre, sie aus den Händen von Michail Gorbatschow zu erhalten“, freute sich Bidder, deren bewegende Dankesworte sich auch an die alten Menschen in Russland richteten, denen er im Zuge seiner Reportage begegnet war und die ihm, einem Fremden, so offen aus ihrem Leben berichtet hatten.

Am Abend des ersten Tages des Petersburger Dialogs fand in der Wiesbadener Marktkirche ein beeindruckendes Konzert des Moskauer Kathedralchores unter dem Titel „Missa Mystica“ statt. Beim anschließenden Empfang auf Einladung des Hessischen Ministerpräsidenten im Kloster Eberbach kamen die Gäste und Teilnehmer in den Genuss hessischer Spezialitäten und Weine aus dem Rheingau.

Der zweite Konferenztag begann mit einem ökumenischen Morgengebet ebenfalls in der Marktkirche unter Mitwirkung der evangelischen, katholischen und russisch-orthodoxen Kirche gemeinsam mit den Wiesbadener Gemeinden, an dem u. a. die beiden Vorsitzenden und der Hessische Ministerpräsident teilnahmen. Anschließend diskutierten die Konferenzteilnehmer in insgesamt acht Arbeitsgruppen im Wiesbadener Kurhaus. Der gemeinsame Veranstaltungsort erlaubte es den Teilnehmern, problemlos zwischen den Arbeitsgruppen zu wechseln, eine Möglichkeit, die sowohl von den Teilnehmern als auch von den Journalisten häufig genutzt wurde. In den Arbeitsgruppen wurde offen und durchaus kontrovers diskutiert, was zeigt, wie eng und vertrauensvoll die Beziehungen zwischen den russischen und deutschen Teilnehmern mittlerweile sind.

Im Einzelnen befassten sich die Arbeitsgruppen mit folgenden Themen:
AG Kultur; Foto: Thomas Augsten

  • Politik: „Zusammenarbeit EU-Russland – gemeinsame Werte und gemeinsame Interessen; Sicherheit und Vertrauen“
  • Wirtschaft: „Schwerpunkte der deutsch-russischen Zusammenarbeit im Bereich der Wirtschaft: Branchen – Regionen – Mittelstand“
  • Zivilgesellschaft: „Zivilgesellschaftliche Initiativen in Deutschland und Russland. Aufgaben und Probleme“ – Bereits im Juli veranstaltete die AG in Moskau zwei Konferenzen zu den Themen Xenophobie und Vergangenheitsbewältigung.
  • Bildung, Wissenschaft und Gesundheitsvorsorge: „Bedeutung von Bildung und Wissenschaften in Europa“ – Von dieser Arbeitsgruppe ging auch die Initiative aus, einen Vertrag zu einem gemeinsamen MBA-Studiengang zwischen der European Business School (ebs) und der Graduate School of Business Administration (GSBA) der Lomonossow Universität in Moskau zu unterzeichnen. Dies wurde auf der am Pressekonferenz am Mittag des zweiten Konferenztages umgesetzt.
  • Medien: „Mediensichten aus Europa − Mediensichten auf Europa“
  • Kultur: „Welterbe erhalten und weiterbauen − Architektur des 19. und 20. Jahrhunderts“; im Mittelpunkt standen dabei die Museumsinsel Berlin und die Eremitage in St. Petersburg, zu denen es 2007 und 2008 zwei Konferenzen geben wird. Weiterhin wurde eine engere Zusammenarbeit bei der Deutsch-Russischen Filmkooperation beschlossen.
  • Zukunftswerkstatt: „Deutschland und Russland auf der Baustelle Europas“.
  • Kirchen in Europa: „Der Beitrag der Kirchen zu den deutsch-russischen Beziehungen“ – erstmals trafen sich in Wiesbaden auch Vertreter der Kirchen aus Deutschland und Russland, um in der neu gegründeten achten Arbeitsgruppe „Kirchen in Europa“ über die Rolle der Kirchen in der gegenwärtigen Gesellschaft zu diskutieren.

Ebenfalls am zweiten Tag fand die Pressekonferenz statt, auf der im Beisein des Hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch und des Wiesbadener Oberbürgermeisters Helmut Müller zwei Abkommen unterzeichnet wurden: 1. Ein Bau- bzw. Wohnprojekt zwischen einer hessischen und einer Moskauer Firma, 2. eine Vereinbarung über einen gemeinsamen Studiengang zwischen der European Business School (ebs) und der Graduate School of Business Administration (GSBA) der Moscow State University (Lomonossow Universität) im Bereich Logistik. Am darauf folgenden Tag wurde zudem der Städtepartnerschaftsvertrag zwischen der Stadt Duisburg und der russischen Stadt Perm im Beisein von Bundeskanzlerin Merkel und Präsident Putin unterzeichnet.

Zeitgleich mit dem Petersburger Dialog fand am 14. Oktober 2007 die 1. Deutsch-Russische Rohstoff-Konferenz „Leitlinien einer entwickelten Rohstoff-Partnerschaft“ des Rohstoff-Forums statt. Das Deutsch-Russische Rohstoff-Forum wurde 2006 im Rahmen des 6. Petersburger Dialogs vom Staatlichen Bergbauinstitut St. Petersburg und der TU Bergakademie Freiberg gegründet und steht unter der Schirmherrschaft von Klaus Töpfer und Wladimir Litwinenko. Bei der Konferenz, an der zeitweise auch die Arbeitsgruppe Wirtschaft des Petersburger Dialogs teilnahm, wurden wesentliche Aspekte der bilateralen Rohstoffbeziehungen aus wissenschaftlich-technischer sowie wirtschaftlicher Sicht beleuchtet.

Ebenfalls parallel zum Petersburger Dialog tagte das 3. Deutsch-Russische Jugendparlament vom 11. bis 16. Oktober 2007 im Wiesbadener Rathaus. Unter dem Motto „Europa: gemeinsame Zukunft?“ diskutieren Jugendliche beider Länder im Alter zwischen 18 und 24 Jahren nach parlamentarischen Regeln in Plenum und Ausschüssen über den Beitrag der jungen Generation zu den deutsch-russischen Beziehungen vor dem Hintergrund der europäischen Einigung. Neben Vertretern des Hessischen Landtags, der Stadt Wiesbaden sowie zahlreicher nichtstaatlicher Organisationen und Medienvertretern waren auch die Teilnehmer des Petersburger Dialogs zur Abschlusssitzung eingeladen.

Plenarsitzung im Kurhaus; Foto: Thomas Augsten
Am dritten Tag fand die abschließende Plenarsitzung im Kurhaus statt, an der Bundeskanzlerin Merkel und Präsident Putin teilnahmen. Den Staats- und Regierungschefs wurden die Themen und Ergebnisse der Konferenz von den beiden Vorsitzenden sowie den Koordinatoren der Arbeitsgruppen präsentiert.

Bundeskanzlerin Merkel betonte in ihrer Stellung- nahme die Wichtigkeit der deutsch-russischen Beziehungen. Sie unterstrich die kulturellen Bande, die engen wirtschaftlichen Beziehungen und die unzähligen privaten Beziehungen sowie Länder- und Städtepartnerschaften. Globale Konflikte, so die Kanzlerin, ließen sich nur gemeinsam bewältigen und Konfliktlinien wie Kosovo, Nahost, Iran könnten nur gemeinsam gelöst werden. Die Zusammenarbeit werde erfolgreicher sein, je mehr man auch als EU mit einheitlicher Meinung die Probleme diskutiere. Die Bundeskanzlerin betonte, sie finde es ermutigend, dass die deutsche Wirtschaft den Mittelstand fördere, damit dieser in Zukunft in Russland mehr Geltung bekomme, denn der Mittelstand sei der Garant für Flexibilität. Gerade Deutschland habe diese Erfahrung gemacht. Sie wies auch auf die große Bedeutung der wissenschaftlichen Kooperation hin, denn Russland habe herausragende Wissenschaftler. Auch begrüßte sie ausdrücklich die neue Arbeitsgruppe Kirchen. Der Dialog auf dieser Ebene müsse unbedingt fortentwickelt werden. Merkel wies darauf hin, dass der Petersburger Dialog immer mehr ins Bewusstsein der Zivilgesellschaft dringe und sicherte dem Gesprächsforum mit den Worten „wir brauchen diesen Dialog“ ihre volle Unterstützung zu: „Was ich politisch tun kann, um den Petersburger Dialog in die zweite Phase zu begleiten, soll von deutscher Seite geschehen.“

Präsident Putin hob in seiner Rede ebenfalls die Bedeutung des Petersburger Dialogs hervor. Er betonte, wenngleich in Russland Wahlen anstünden, würde die Kontinuität dieses Forums gewahrt bleiben, denn der Dialog habe in den letzten sieben Jahren einen wichtigen Platz eingenommen. Historisch habe es viele dynastische Verbindungen der Zarenfamilie mit Deutschland gegeben. Insbesondere verwies er auf die Bedeutung der Stadt Wiesbaden für viele "schöpferische russische Intellektuelle", darunter die großen Dichter Turgenjew und Dostojewski. Unter Bezug auf den strategischen Diskurs und die damit verbundenen Spannungen meinte Putin, man habe Unterschiede in der Einschätzung, suche aber dabei aufrichtig nach Lösungen. Man sei sich bewusst über die wichtige Bedeutung der Aufgabe, das Vertrauen zwischen der EU und Russland zu festigen. Insbesondere der Jugendaustausch müsse gefördert werden und die diversen Stiftungen müssten mehr tun, um den kulturellen Austausch zu unterstützen. Die Kirche auf dem Neroberg, die der Präsident während seines Aufenthaltes kurz besuchte, bezeichnete er als eine der schönsten russisch-orthodoxen Kirchen. Auf den Bericht der Arbeitsgruppen eingehend, wies Putin auf die Wichtigkeit der vertieften Zusammenarbeit in Bildung und Wissenschaft hin.

Insgesamt fiel die Resonanz der Teilnehmer und auch der Presse äußerst positiv aus, was nicht zuletzt den Aktivitäten der Stadt Wiesbaden und des Landes Hessen zu verdanken ist. Das von den deutschen Teilnehmern wahrgenommene „neue Selbstbewusstsein“ der Russen wurde ebenfalls positiv gewertet. Man brauche einen starken Partner, um auf gleicher Augenhöhe verhandeln zu können, so der Konsens. Auch die Möglichkeit, einen ganzen Tag in den Arbeitsgruppen diskutieren zu können, wurde als gewinnbringend angesehen und schuf eine zuweilen kontroverse, aber auch produktive und vertrauensvolle Atmosphäre.