Vortragsveranstaltung mit Wladimir Jakunin - "Deutschland und Russland: Wirtschaftliche Zusammenarbeit und gesellschaftliche Herausforderungen“

Wladimir Jakunin, Präsident der staatlichen russischen Eisenbahngesellschaft; Foto: Sascha Radke
Auf dem Podium: Prof. Dr. Rainer Lindner, Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft mit Wladimir Jakunin; Foto: Sascha Radke
Lothar de Maizière, Vorsitzender des Lenkungsausschusses des Petersburger Dialogs; Foto: Sascha Radke
Vortragsveranstaltung mit Wladimir Jakunin; Foto: Sascha Radke

Wie eng Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammenhängen, wurde bei der Vortragsveranstaltung mit Wladimir Jakunin am 20. September 2010 deutlich. Jakunin, Präsident der Russischen Eisenbahngesellschaften, war der Einladung des Petersburger Dialogs, des Deutsch-Russischen Forums und des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft nach Berlin gefolgt und sprach vor ca. 300 Zuhörern zum Thema „Deutschland und Russland: Wirtschaftliche Zusammenarbeit und gesellschaftliche Herausforderungen“.

In den einleitenden Grußworten der drei Veranstalter war bereits erkennbar, dass an diesem Abend ein weiter Bogen geschlagen werden sollte. Dr. h.c. Lothar de Maizière sah die Verknüpfung von wirtschaftlichem und zivilgesellschaftlichem Engagement beispielhaft in der Person Jakunins durch dessen Doppelfunktion verkörpert. Neben seiner hauptberuflichen Tätigkeit als Präsident der russischen Eisenbahngesellschaften RZD bringe er als Initiator und Präsident des World Public Forums - Dialog der Zivilisationen jährlich zivilgesellschaftliche Akteure aus aller Welt zusammen. De Maizière schlug vor, die bisherige gute Zusammenarbeit im Bereich der Modernisierungs-partnerschaft, deren Aktivitäten der Petersburger Dialog koordiniert und für die sich Herr Jakunin vor allem im Bereich der Logistik stark einsetze, auszubauen. Die heutige Veranstaltung könnte möglicherweise als Auftakt für eine Reihe von gemeinsamen Seminaren des Petersburger Dialogs und des Deutsch-Russischen Forums mit dem Dialog der Zivilisationen dienen.

Der neue Botschafter der Russischen Föderation in Berlin, S. E. Wladimir Grinin, sieht Jakunins „Doppelrolle“ ebenfalls nur auf den ersten Blick unvereinbar: In beiden Funktionen Jakunins sei es seine Aufgabe, Distanzen zu überwinden und Menschen unterschiedlichster Kulturen und Auffassungen füreinander erreichbar zu machen. „Verbinden statt spalten“ laute auch die Devise der russischen Außenpolitik, so Botschafter Grinin weiter. Mit Blick auf den 20. Jahrestag der Deutschen Einheit wies er darauf hin, dass es bisher trotz aller positiven Entwicklungen nicht gelungen sei, eine geeignete Sicherheitsstruktur für den Euro-Atlantischen Raum zu schaffen. Der Vorschlag des russischen Präsidenten, Dmitri Medwedew, für einen Europäischen Sicherheitsvertrag müsse weiter vorangebracht werden.

Prof. Dr. Wilfried Bergmann, der in Vertretung des Vorstandsvorsitzenden Dr. Ernst-Jörg von Studnitz das Deutsch-Russische Forum repräsentierte, erklärte in seiner kurzen Begrüßung, das Thema Sozialkompetenz solle im deutsch-russischen Dialog mehr Gewicht erlangen. Um eine lebenswertere Gesellschaft für alle zu schaffen, müssten Modelle zur Erhöhung der Sozialkompetenz der Unternehmen und Manager entwickelt werden. Für die sehr aktive und erfolgreiche Zusammenarbeit im Bereich der Modernisierungspartnerschaft auf dem Gebiet der Logistik dankte er Herrn Jakunin.

Für den Ost-Ausschuss sprach Dr. Tessen von Heydebreck ein Grußwort, in dem er auf die Dimensionen der Russischen Eisenbahngesellschaften hinwies: Dem hinsichtlich der Mitarbeiterzahl (1 Mio.) größten russischen Unternehmen unterstünden 85.000 km Bahngleise, jährlich würden über 1 Billion Passagiere und mehr als 1 Billion Tonnen Fracht transportiert. Sehr erfreulich aus deutscher Sicht seien die Kooperationen mit deutschen Unternehmen wie der Deutschen Bahn, Siemens, Volkswagen u.a. Die Europäische Union und Russland wüchsen logistisch immer mehr zusammen, auch dank des herausragenden Beitrags der Russischen Eisenbahngesellschaften.

Auf die Bahn und ihre besondere Bedeutung für Russland ging Wladimir Jakunin in seinem Vortrag ein, erörterte zugleich aber auch ein breites Themenfeld, das von geopolitischen Fragen und wirtschaftlichen Entwicklungen über die Bedeutung des deutsch-russischen zivilgesellschaftlichen Dialogs bis hin zu Fragen von Integration und sozialen Aspekten der Gesellschaft reichte.
Die heutige Welt sei sehr komplex, so Jakunin, und die Wirtschaftskrise als überwunden zu sehen, halte er für verfrüht. Nach Expertenmeinungen sei eher noch eine zweite Welle der Krise zu erwarten, die in den USA bereits anschwelle. Auch Russland habe wirtschaftlich noch nicht wieder das Niveau der Zeit vor der Krise erlangt, als geopolitischer Faktor spiele die Russische Föderation jedoch eine wichtige Rolle im globalen Geflecht. Wirtschaftlich seien weder Russland noch etwa China als Konkurrenz zu Europa zu sehen, sondern die USA.

Die deutsch-russische Zusammenarbeit sehe er auf breite Füße gestellt, sie umfasse sämtliche Bereiche der Gesellschaft, angefangen bei der Wirtschaft über Klimaschutz und Sicherheit in Europa bis hin zu Kultur- und Jugendaustausch. Diese Bandbreite der Kontakte und Kooperationen trage zur Überwindung von Stereotypen und Klischees bei, die in Russland über Deutschland und umgekehrt noch vorherrschten. Es sei von großer Bedeutung, diesen Dialog auch unabhängig von der jeweiligen politischen Situation weiterzuentwickeln. Durch diese Beständigkeit seien die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland heute auch auf eine vertraglich-rechtliche Basis gestellt, auf die Russland in der Beziehung zu anderen Ländern in der Form nicht zurückgreifen könne.

Mit seiner wichtigen Aufgabe, gesellschaftliche Akteure aus allen Bereichen zusammenzubringen, stehe der Petersburger Dialog dem World Public Forum- Dialog der Zivilisationen sehr nahe. Verhandlungen auf Regierungsebene, die immer eine bestimmte politische Absicht verfolgten, könnten nicht den zwischenmenschlichen Dialog, der ohne trennenden Verhandlungstisch erfolgt, ersetzen.
Er unterstütze daher den von Lothar de Maizière unterbreiteten Vorschlag, der darauf abziele, gemeinsame Seminare des Petersburger Dialogs und des Deutsch-Russischen Forums mit dem Dialog der Zivilisationen durchzuführen.